„Ich konnte es kaum erwarten“
Stürmer Janik Vieregg trifft nach langer Verletzungspause bei Comeback
Am Spielverlauf änderte das Tor nichts mehr, am Innenleben von Janik Vieregg aber sehr viel. Nach zwei Kreuzbandrissen(April 2023 und April 2024) und eineinhalb Jahre nach seinem letzten Landesliga-Spiel kam der 27-Jährige erstmals wieder für den TSV 1880 Wasserburg zum Einsatz und traf in der Nachspielzeit gegen Unterhaching II zum 1:2-Endstand. Für die Löwen war es ein ärgerlicher Abend, zugleich freuten sich Verantwortliche, Trainer und Mitspieler für Vieregg, der eine lange Leidenszeit hinter sich hat.
Seit Ende der Vorbereitung war der Vollblutstürmer wieder voll ins Mannschaftstraining integriert und scharrte wie ein junger Hengst mit den Hufen. Trainer Florian Heller mahnte allerdings zur Vorsicht: „Bei Spielern, die so lange weg waren, ist es wichtig, dass man vernünftig erklärt, welchen Weg man für das Comeback einschlägt. Und die Spieler müssen es dann auch verstehen.“ Der ehemalige Profi weiß um seine Verantwortung und verordnete Vieregg vor einem möglichen Comeback noch mehrere Wochen Training, um ihn behutsam heranzuführen: „Ich möchte keinen ausbremsen, sondern bin sehr vorsichtig“.Heller hat in dieser Spielzeit bereits Leon Simeth und Robin Ungerath wieder in den Spielbetrieb integriert, bei Vieregg war es nach seinen zwei schweren Verletzungen aber eine besondere Herausforderung. Heller verweist dabei neben der physischen Komponente auch „auf den Kopf des Spielers. Janik Vieregg hatte medizinisch das Go, aber ich habe ihm vermittelt, dass die Rückkehr in den Trainingsbetrieb ein ganz spezieller und komplizierter Übergang ist. Er wollte sofort Fußball spielen, was komplett nachvollziehbar ist. Aber man muss wie bei allen unseren Rückkehrern aufpassen, weil wir die Verantwortung tragen, wann wir sie wieder losmarschieren lassen.“
Am Freitagabend in Neuried ließ der Coach seinen Stürmer nach dem kurzfristigen Ausfall von Daniel Kononenko und der Verletzung von Robin Ungerath ab der 76. Minute wieder von der Leine. Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet Vieregg über seine Gefühlslage nach seinem Tor, aber auch über die Zeit nach den Verletzungen und den langen Weg zurück.
Herr Vieregg, nehmen Sie uns mit in Ihre Gefühlswelt. Wie war es für Sie, als Sie erstmals nach eineinhalb Jahren wieder für den Kader nominiert wurden und als sich die Einwechslung abzeichnete?
Auf die Kadernominierung habe ich natürlich schon sehnsüchtig gewartet und konnte es kaum erwarten, das Team wieder als aktives Mitglied zu unterstützen. Entsprechend euphorisch war ich auch auf das Spiel. Man denkt sich ja oft Szenarien aus, wie es laufen kann. Ein Rückstand ist nie die beste Situation für so eine Einwechslung, dementsprechend hektisch war es auch davor. Trotzdem habe ich mich riesig über das Vertrauen gefreut und fand auch, dass ich mich ordentlich reingefunden habe. Die Niederlage war unnötig, aber rein persönlich war es an dem Tag einfach ein tolles Gefühl.
Für einen Stürmer sind Tore essenziell. Hat dieser Treffer aber eine ganz besondere Bedeutung?
Der direkte Treffer freut mich natürlich riesig und das kann ich auch trotz der Niederlage nicht leugnen. Vor allem das Zusammenspiel mit Vinzenz Egger hat einfach perfekt geklappt, er hat direkt verstanden, was ich vorhabe.
Persönlich hat er eher Symbolcharakter und steht für mich stellvertretend als eine Bestätigung dafür, dass sich alles, was ich in den letzten Monaten gemacht habe, jetzt schon gelohnt hat für mich.
Ihr Handy stand danach bestimmt nicht still.
Die Resonanz zuerst vom Team, das mir in der Zeit echt Halt gegeben hat, aber auch von Leuten, mit denen ich nicht täglich zu tun habe, zu spüren, bedeutet mir sehr viel. Es war einfach ein ehrliches Freuen für den anderen.
Lassen Sie uns über Ihre Leidenszeit sprechen, als das Kreuzband kurz nach dem Comeback wieder riss. Was war während der langen Verletzungspause am schlimmsten?
Gerade den Anfang habe ich schon als sehr schwer wahrgenommen. Du kommst zurück, fühlst dich gut und dann passiert das wieder. Während alle die Eröffnung der EM gefeiert haben wurde ich operiert – das ist einfach kein schönes Gefühl. Man sagt Urlaube ab und kann einfach praktisch alles, was man sportlich gerne macht nicht ausüben. Natürlich an erster Stelle den Fußball, aber auch am See mal Volleyball spielen ist halt nicht drin. Also definitiv ist der Kopf das Schwierigste, ich habeauch jetzt rückblickend erst so richtig gemerkt, wie schlecht es mir eigentlich mental ging.
Wie war es an Spieltagen?
Spieltage und Trainings anzuschauen, ist mir am Anfang sehr schwer gefallen. Jeder fragt dich, wie es geht und du hörst gerade an anderen Sportplätzen Sätze wie „Willst du nicht aufhören?“ oder „Das wird nichts mehr“. Das tut schon weh.
Auch aufgrund dessen habe ich mich solchen Situationen anfangs eher ferngehalten. Zum Glück haben wir eine echt homogene Mannschaft mit guten Charakteren, was einen ein Stück weit auffängt. Dabei waren auch zwei, drei Leute, die immer wieder nachgefragt haben und mir so das Gefühl gegeben haben dennoch ein Teil zu sein.
Es ging also nicht nur um den Körper, sondern auch um den Geist. Wie „trainiert“ man Zweiteren?
Am Ende ist es glaube ich die Mischung. Einerseits war es für mich super wichtig Support aus meiner Familie und meinem engsten Freundeskreis zu spüren und andererseits war es die Einsicht, dass es abgesehen von den Dingen, die nicht in meiner Hand liegen, wie die Operation zum Beispiel, zu 100 Prozent meine Verantwortung ist, dass es sich verbessert. Da kannst du noch so viele aufbauende und motivierende Worte hören, am Ende bist du derjenige, der im OP liegt und du derjenige, der zuhause in der Motorschiene hängt, während andere am See sind oder wie in meinem Fall die EM feiern.
Also zusammengefasst ist es die Erkenntnis, dass Sachen sind,wie sie sind, und man diese annehmen muss – und wenn ichnichts ändere, ändert sich auch nichts. In dem Zug habe ich einiges zum Stoizismus gelesen wie das Buch „Focus on whatmatters“ von Darius Foroux. Das hat mir auf alle Fälle anfangs sehr geholfen, die Situation anzunehmen, wie sie ist und nicht zu sehr ins Gedankenkarussell abzudriften.
Wie haben Sie sich in der langen Reha immer wieder motiviert?
Im Verlauf habe ich mich an kleinen Erfolgen immer hochgezogen, sei es die erste Kniebeuge oder das erste Mal joggen. Dazu haben mich auch so Kommentare wie zuvor beschrieben auf eine ganz komische Art und Weise angetrieben,es denen und vor allem mir zu beweisen.
Darüber hinaus haben aber auch so Sachen wie mein Trikot geholfen. Das hängt bis heute vor meinem Bett und ich habe das als meine „Trophäe“ ausgemacht und als Sinnbild für das Ziel genommen, das wieder vor einem Spiel anzuziehen, um mich immer daran zu erinnern, warum ich das alles mache. Es waren immerhin etwa an die 200 Physio– und Arzttermine in 13 Monaten. Wenn man dann die erste Zeit überstanden hat und ganz unscharf Licht am Ende des Tunnels sieht, hat mich dasalles unter dem Motto „per aspera ad astra“ zusätzlich angetrieben, denn aus allem Schlechtem entsteht auch etwas Gutes.
jah